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Goethes Biographie

                                                                                                    2008,Essen

Das Leben des Johann Wolfgang von Goethe*

Eine Kurzbiographie der etwas anderen Art

 

 

Ganz schön spannend ist es gewesen und bemerkenswert lang für die damalige Zeit, das Leben des Mannes, der uns so beeindruckt hat, dass wir unser Restaurant “Mephisto“ nach einem seiner größten literarischen Erfolge benannt haben.

Und wir sehen ihn regelrecht vor uns, wie er mit einem verschmitzten Lächeln kommentiert, dass es durchaus in Ordnung ist, den Teufel nicht ganz so ernst zu nehmen, solange man die Botschaft, die dahinter steht, verstanden hat.

Wer war er nun also, dieser Goethe, der so gar nicht in das Raster seiner Zeit passte und den Mut hatte, sich so ziemlich gegen alles zu stellen, was damals von Wert war?

Der dabei aber auch so klug vorging, dass er niemals wirklich in ernsthafte Schwierigkeiten geriet?

Lassen Sie sich überraschen.

 

Geboren wurde Johann Wolfgang von Goethe am 28. August 1749 in Frankfurt. Er war also vom Sternzeichen “Jungfrau“. So manch einer behauptet, das habe nicht ganz zu seinem privaten Lebenswandel gepasst.

Mit seiner Mutter, Catharina Elisabeth Goethe, Tochter eines angesehenen Statthalters, verband ihn Zeit ihres Lebens (sie starb 1808) eine innige Liebe.

Das sah bei seinem Vater, Johann Caspar Goethe, schon anders aus.

Der war Anwalt und führte auch privat mit unserem Goethe einen lebenslangen Prozess (also bis zu seinem Tod 1782), den er auch meistens -zumindest ließ Goethe es so aussehen- gewann.

Goethe senior war ein Macho wie er im Buche steht.

So wundert es uns nicht, dass er seinem Sohn 1765 nach Leipzig schickte, damit er gefälligst Jura studierte und auch Anwalt wurde. Schließlich hatte er selbst sich vom einfachen Tuchmacher zum Anwalt hochgearbeitet und verdiente damit nicht wenig Geld.

 

Unser Goethe war damals gerade mal 16 Jahre alt, hatte aber schon mehr geblickt, als viele seiner älteren Zeitgenossen. Er hatte aber auch schon einiges durch. Z.B. den Ausbruch des siebenjährigen Krieges 1756. Hier vertrat sein Vater die Partei Friedrichs des Großen (Preußen u. evangelisch) und sein Großvater Textor die der Kaiserin Maria (habsburgisch u. katholisch). Man kann sich vorstellen, wie es da bei Goethe`s zu Hause herging. Ein Glaubenskrieg in den eigenen vier Wänden soll ja eine Menge Stimmung bringen.

 

Das alles hielt Goethes Vater aber nicht davon ab, seinen Sohn einem strengen Regiment zu unterziehen. Er bekam Privatunterricht in Sprachen, Fechten und Reiten, um nur einiges zu nennen. Volles Programm also.

Da hatte seine 1750 geborene Schwester Cornelia schon ein entspannteres Leben. Mädchen brauchten damals nämlich “nichts“ zu können außer Haushaltführen und Kinderkriegen.

Goethe hatte übrigens noch vier Geschwister, die aber alle im Kindesalter starben, was früher an der Tagesordnung war.

Mit Cornelia verstand Goethe sich prima. Leider wurde sie aber nur 27 Jahre alt.

 

Nun blühte unserem Goethe also ein nicht gewolltes Studium.

Der Arme fühlte sich reichlich fremdgesteuert.

Na ja, eigentlich schon bekanntgesteuert, denn der Steuermann war ja sein Vater.

Und so schrieb Goethes Leben das nächste Kapitel seiner ganz persönlichen never-ending-story.

Als ob die Diktate durch den Glaubenszwang der Kirche, den absolutistischen Staat, gesellschaftliche Zwänge und geistige Bevormundung, Knechtung und Unterdrückung aller Art nicht ausgereicht hätten. Jetzt stand er vor seinem größten Problem: dem Wunsch, sich vom Diktat seines Vaters zu lösen.

Das war natürlich leichter gesagt als getan. So musste er sich erst einmal unterordnen und nach Leipzig an die Uni gehen.

Nachdem er sich von seinem Kulturschock erholt hatte - das mittelalterliche Frankfurt war nämlich eine Provinz gegen das moderne Leipzig (wie konnte sich das bloß bis zum Mauerfall so rückläufig entwickeln J) - fand er es erst einmal ganz prima, nicht mehr direkt unter der Fuchtel seines Alten zu stehen.

 

Und gegen das Studieren hatte unser Goethe ja sowieso nichts. Das Problem lag eher in dem nicht freiwillig gewählten Studienfach.

Also beschäftigte er sich mit allem, was ihm an literarischem und geistigem Gut an der Uni in die Quere kam. Mit allem, außer Jura. Und da er ja keine halben Sachen machte, zog er das ganze Programm gleich drei Jahre durch.

Wie gut, dass wir uns in der Zeit der Postkutschen befinden, wo es weder Zeitung, Fernsehen noch Telefon gab, sonst hätte sein Vater bestimmt spitzgekriegt, was sein Filius da so treibt und ihn zurückgepfiffen oder ihm zumindest die Kohle für das Studium gestrichen.

Studieren war nämlich damals ungefähr so schweineteuer wie heute wieder.

 

In diesen drei Jahren entwickelte Goethe übrigens einen ganz starken Autonomie-Gedanken, der sich auf die gesellschaftlichen Zwänge im allgemeinen und auf seinen Vater im besonderen erstreckte. Ein Thema, das ihn in seinen Werken nie wieder richtig losließ.

So sagte er damals: “So lösen sich in gewissen Epochen Kinder von Eltern, Diener von Herren, Begünstigte von Gönnern los und ein solcher Versuch, sich auf seine Füße zu stellen, sich unabhängig zu machen, für sein eigen selbst zu leben, er gelinge oder nicht, ist immer dem Willen der Natur gemäß.“

Mit diesem Satz ist alles gesagt, was Goethe fühlte und sich wünschte.

Um es mal etwas präziser auszudrücken: Sein alter Herr ging ihm gepflegt auf den Geist.

Und so träumte Goethe später in seinen Werken von völlig eigenständigen Helden, die sich nicht reinreden und sich von nichts und niemandem manipulieren ließen.

 

Dass Träume eben oft nur Schäume sind, musste Goethe feststellen, als er 1769, schwer erkrankt und ohne abgeschlossenes Jurastudium in der Tasche, nach Frankfurt zurückkehrte.

Und zwar dummerweise natürlich direkt wieder unter den Pantoffel seines alten Herrn.

Wo hätte er sonst auch hingesollt, so ganz ohne Kohle und Ausbildung?

 

Goethe war nun ersteinmal ziemlich beschäftigt.

Und zwar zum einen mit Gesundwerden und zum anderen mit spekulativer Naturphilosophie, chemischen Experimenten, Malerei, Medizin und Baukunst. Da war nun ein bisschen wenig Jura dabei.

Klar, dass das seinem Alten gehörig gegen den Strich ging und er unserem Wolfgang gründlich dazwischenfunkte. Und so blieb dem nichts anderes übrig, als das Jurastudium inclusiv Doktortitel zu einem anständigen Abschluss zu führen.

 

Natürlich hatte er immer noch keinen Bock auf einen Anwaltsjob. Offiziell war er nun der Junior-Partner seines Vaters in dessen Frankfurter Kanzlei. Inoffiziell ging er weiter seinen Interessen nach.

1770 musste Goethe auf Befehl seines alten Herrn wieder nach Straßburg zurück, wo er sich weiter mit Jura beschäftigen sollte.

Hier traf er Johann Gottfried Herder, einen überlegenen, kritischen Geist, der einen besonderen Sinn für die Ausdruckskraft einer ungekünstelten Sprache hatte.

Das ist jetzt nett ausgedrückt. Eigentlich war er einfach ziemlich prollig.

Jedenfalls prägte er Goethes Dichtkunst nachhaltig.

Das machte die Literatur unseres Dichters vorübergehend ganz schön volksnah. Aber es nutzte Goethe leider nichts. Es brachte ihm nicht den ersehnten Geldsegen, denn das einfache Volk konnte weder lesen noch sich Bücher leisten.

Herder war wesentlich älter als Goethe und die beiden verband eine innige Freundschaft. Nicht weiter verwunderlich, dass sich Goethe einen väterlichen Freund suchte, bei dem Prachtexemplar von Vater, das da in Frankfurt auf ihn wartete.

 

In Straßburg wandte sich Goethe unter dem Einfluss Herders Volksliedern und Balladen zu, fand aber auch Gefallen an den Werken Shakespeare`s. Glücklicherweise.

Denn das schwächte den Straßenjargon, den er von Herder gelernt hatte, etwas ab.

Zumindest vorübergehend. So ganz ließ ihn diese sprachliche Variante nämlich noch nicht los.

Er hatte eben wirklich viele Facetten, unser Dichter.

Zunächst einmal entstanden nun mit “Mailied“ und “Willkommen und Abschied“ die ersten Natur- und Liebesgedichte eines neuen, lyrischen Stils.

Hier zeichnen sich bereits die Anfänge einer neuen literarischen Epoche ab. Goethe wird seine eigenen Gedichte aber diesbezüglich noch toppen, wie wir im Folgenden sehen werden.

1772  verschlug es Goethe an das Reichskammergericht in Wetzlar.

 

D.h., genaugenommen verschlug nicht ES ihn dorthin, sondern ER, nämlich sein Vater. Goethe sollte dort nämlich seine ohnehin nicht vorhandenen Anwaltsqualitäten verbessern. Was er natürlich nicht tat.

Stattdessen verliebte er sich das erste (und bei weitem nicht das letzte) Mal bis über beide Ohren, und zwar in Lotte Buff, die aber dummerweise mit Johann Kristian Kestner verlobt war. Das hielt unseren Goethe nicht davon ab, eine Affäre mit ihr zu beginnen. Aber da gehören ja immer noch zwei dazu. Oder auch mehrere. Kestner jedenfalls wusste von der Liason.

Lotte machte das Dreiecksverhältnis eine ganze Weile mit, entschied sich aber am Ende für ihren Verlobten.

Eine unglückliche, aussichtslose Liebe für unseren Dichterfürsten also.

Und die finden wir in seinem kurz darauf entstandenen ersten Welterfolg “Die Leiden des jungen Werther“ wieder, in dem er in Briefform von einem Bürgerlichen und dessen unerwiderter Liebe zu einer Tochter aus gutem Hause, die bereits mit einem Amtsmann verlobt ist, berichtet.

Wie es sich für ein Drama gehört, endet es natürlich furchtbar unglücklich, und zwar mit dem Selbstmord Werthers.

Da kriegt man eine Vorstellung davon, wie sehr Goethe gelitten haben muss.

Er selbst soll sich in seiner Verzweiflung sogar eine Pistole an den Kopf gehalten haben.

Glücklicherweise entschied er sich dann aber für schreiben statt schiessen.

 

Doch etwas ist anders an diesem Stück. Zum einen die bereits erwähnte Briefform, die von Richardson und Rousseau geschaffen und von Goethe fortgebildet wurde, zum anderen aber auch die Art, mit der Goethe den Selbstmord seiner Hauptperson beschreibt. Und die war skandalös und schwärmerisch zugleich. Endlich war mal so richtig was los in der Literatur .

Goethe machte seinen Lesern unmissverständlich klar, dass der Freitod Werthers die einzig richtige und logische Konsequenz in dessen auswegloser Lage war.

 

An dem Brocken hatten die Nation und Goethes Dichterkollegen lange zu schlucken. Manch einer hat ihn gar nicht heruntergekriegt. Schiller soll fast tot umgefallen sein. Das machte er dann aber doch erst später.

Der Selbstmord seines dramatischen Helden lässt noch weitere Parallelen zu Goethes Leben zu.

Kurz nachdem er Wetzlar verlassen hatte, erreichte ihn die Nachricht, dass ein Studienkollege sich wegen einer unglücklichen Liebe das Leben genommen hatte.

Goethe fand, dass da endlich mal einer was richtig machte. Besser tot als unglücklich.

 

Goethe selbst bezeichnete Werther als eine Art Selbstreinigung, eine Therapie, die er dringend brauchte, um sein altes Leben hinter sich zu lassen. Wahrscheinlich ist Goethe also der Entdecker der Schreibtherapie.

Auch sonst bediente er sich einiger recht eigenwilliger Selbsttherapien.

So kletterte er zum Beispiel auf die Turmspitze des Frankfurter Münsters, um seine Höhenangst zu überwinden. Und er marschierte inbrünstig neben Militärkapellen her, um seine Lärmempfindlichkeit in den Griff zu bekommen.

Nun hängte sich also mit seinem Werk ganz schön aus dem Fenster.

Besonders, als auch noch eine junge Adelstochter mit einer Ausgabe des “Werther“ ins Wasser ging. Leider war das Buch nicht mitgesunken, obwohl es doch so schwere Kost enthielt.

Dumm gelaufen, denn dafür sank Goethe und zwar auf der Beliebtheitsskala etlicher zahlungskräftiger Kunden auf weit unter null. Was ihn aber nicht weiter störte. Ihm war wichtig, dass er sich beim Schreiben nicht verstellte. Das tat er ja schließlich schon zu Hause. Und damit musste es genug sein.

Was die tote Adelstochter anging, kostete die ihn nicht eine einzige schlaflose Nacht.

Unser Wolfgang hatte zu dem Zeitpunkt seine Schuldgefühle eben ganz gut im Griff.

 

Gehen wir kurz in uns, dann brauchen wir nicht viel Phantasie, um uns vorzustellen, wie toll die Kirche dieses Drama fand und dass sie es am liebsten verboten hätte. Und von Goethes Vater wollen wir gar nicht erst reden. Der kam vor lauter Fremdschämen gar nicht mehr zum Prozessieren. Sein Sohnemann freute sich natürlich, dass er ihm eins auswischen konnte.

Und trotz oder vielleicht auch gerade wegen des großen Wirbels, der um das Buch gemacht wurde war eines klar: Goethe hatte den Zahn der Zeit getroffen und seinen ersten Besteller gelandet.

 

Immer noch fasziniert von einer rohen, unverblümten Sprache kehrte Goethe nach Frankfurt zurück und kramte die Selbstbiographie des Ritters Gottfried von Berlichingen aus dem Keller des 16. Jahrhunderts. Aus der gleichen Zeit stammt übrigens auch die damals nicht veröffentlichte Prosa-Erzählung des Faust-Dramas. Die musste aber noch ein paar Jährchen warten.

Goethe schrieb mit “Götz von Berlichingen“ ein weiteres Drama und griff dabei auf die derbe, altdeutsche Sprache zurück, um sich von der von ihm verhassten höfischen Rokoko- Gesellschaft zu distanzieren. Sicherlich ist Ihnen der bekannteste Satz aus diesem Werk ein Begriff, so dass ich auf ein wörtliches Zitat mit gutem Gewissen verzichten kann J .

Das Drama wurde damals übrigens nie aufgeführt. Es war einfach zu lang und so unverschämt, das es vermutlich eine Revolution ausgelöst und die Jugend komplett verzogen hätte.

 

Goethe war nun zum geistigen und literarischen Führer des “Sturm und Drang“ geworden.

Laut und ungestüm verkündete er - sehr zur Begeisterung der Kirche, des Adels und nicht zuletzt seines Vaters - mit seinen wichtigsten Gefährten Michael Reinhold Lenz, Maximilian Klinger und Heinrich Leopold Wagner die neuen Forderungen einer neuen Zeit: Natur, Gefühl, Freiheit und personales Kraftbewusstsein. Back to the roots also sozusagen.

 

Von den Anwaltsallüren seines Vaters hatte Goethe schon lange die Nase voll und seine Frankfurter Verlobte Lilli Schönemann, Tochter eines angesehenen Bankiers, drängte auch so langsam auf Heirat. Nichts lag Goethe jedoch ferner, als sich eine Frau und Kinder ans Bein zu binden und sich einer finanziellen Verantwortung zu stellen. Schon gar nicht in der Nähe seines Vaters.

Und so folgte er 1775 dem Ruf des völlig unbedeutenden Kleinfürsten Karl August an dessen Hof in Weimar.

Und jetzt muss sich der aufmerksame Leser wundern. Unser Goethe stellt sich in den Dienst der von ihm so verachteten weltlichen Herrschaft?!

Werfen wir einen Blick hinter die Kulissen.

 

Goethe schlug nämlich gleich zwei Fliegen mit einer Klappe. Zum einen schaffte er eine räumliche Trennung zu seinem Vater und entkam seiner Verlobten, zum anderen erlangte er endlich finanzielle Unabhängigkeit. Er ging keineswegs als Hofdichter nach Weimar, sondern als Günstling und Favorit des Fürsten, der ihn sogar 1776 gegen alle Widerstände seiner Verwaltungsbeamten zum Mitglied des “Geheimen Conseils“ machte.

Karl August war übrigens sogar jünger als Goethe und die beiden ließen es so richtig krachen. Jedenfalls wenn nicht gerade Krieg war.

Wein, Weib, Gesang, nichts war ihnen fremd. Goethe testete also Mephisto`s Tricks in einem Selbstversuch ausgiebig.

Er lebte wie die Made im Speck, wurde reich besoldet, bekam sein heute noch berühmtes Gartenhaus vor der Stadt geschenkt und erhielt auch noch einen Adelstitel. Den bekam er übrigens - anders als sein Vater, der sich gegen ein beachtliches Schmiergeld zum “kaiser- lichen Rat“ ernennen ließ- ganz umsonst.

Ein bisschen arbeiten musste Goethe aber auch. Er war verantworlich für verschiedene Zweige der Verwaltung, für den Wegebau, den Bergbau und das Finanzwesen.

 

Das klingt jetzt nach einem superstressigen Job. War es aber gar nicht, denn Weimar hatte damals nur 6.000 Einwohner, das gesamte Herzogtum nur 106.000.

Nebenbei verwaltete Goethe das höfische Theater. Er lehnte es Zeit seines Lebens niemals ab, auch einmal etwas ganz normales, profanes zu schreiben. So sagte er einmal zu seinem Freund Merck, der Goethes Drama “Clavigo“ als unbedeutend abkanzelte: “Muss ja doch nicht alles über alle Begriffe hinausgehen, die man nun einmal gefasst hat; es ist auch gut, wenn manches sich an den gewöhnlichen Sinn anschließt.“

Deshalb stammen auch zahlreiche Widmungs- und Huldigungsverse, Singspiele und Maskenzüge für höfische Feste aus Goethes Feder.

Ein bisschen bedachte er da auch den Grundsatz, dass eine Hand die andere wäscht

Die Partys seines Fürsten waren jedenfalls über die Stadtmauern hinaus bekannt.Und die Gäste mussten ja unterhalten werden.

Ja, ja, er konnte auch sehr bescheiden sein, unser Dichter. Zumindest augenscheinlich.

Dazu muss man aber wissen, dass Goethe solche “normalen“ Sachen mit links nebenbei schrieb. Für “Clavigo“ brauchte er genau anderthalb Wochen.

In der Zeit bekommt so manch einer nicht einmal seinen Harz IV-Antrag ausgefüllt.

 

Außerdem konnte er es sich aussuchen, was und wie viel er für wen schreiben wollte.

Das unterschied ihn gewaltig von anderen, ebenso talentierten Zeitgenossen. Denken wir einmal an die Werke eines Gotthold Ephraim Lessing und stellen uns dann vor, dass dieser beim Herzog von Braunschweig als Bibliothekar arbeiten musste, dann wird uns doch ganz anders.

Ganz zu schweigen von Goethes Freund Friedrich Schiller, der in einer so großen Armut lebte und auch starb, dass er sogar in einem Armen-Massengrab beigesetzt wurde.

Ob es nun großmutig oder einfach nur makaber war, dass Goethe Schillers Schädel (wenn es denn seiner war) aus eben diesem Grab ausbuddeln und in sein Haus bringen ließ, möge jeder für sich entscheiden.

Jedenfalls tragisch, dass zu damaligen Zeiten das Lesen nur den oberen 10.000 vorbehalten war. Das gemeine Volk beherrschte es oft gar nicht.

Leider hat sich daran ja bis heute nichts geändert. Oder können Sie sich vorstellen, dass die Bücher o.g. Autoren gegen so geistig wertvolle TV-Sendungen wie “X-Diaries“ oder “Familien im Brennpunkt“ eine reelle Chance hätten?

 

Eines jedenfalls wird uns klar - so ganz ohne Hintergedanken stand Goethe seinem Fürsten nicht zur Seite. Er wusste genau, dass er von der Feder allein niemals hätte leben können und so erkaufte er sich seine Freiheit, sich den Dingen zu widmen, die ihn wirklich interessierten, mit einer hochironischen Unterordnung am Hof.

Geschickt eingefädelt. Denn wie sonst hätte er eine großzügige Versorgung, finanzielle Sicherheit, zusätzliches Ansehen und Einfluss bei komplett freier Zeiteinteilung für so wenig Gegenleistung bekommen?

Das kriegen heute doch gerade einmal die Häschen von Rolf Eden auf die Reihe.

Zumindest bis auf das Ansehen und den Einfluss.

 

Goethe jedenfalls wusste eine Menge mit seiner freien Zeiteinteilung anzufangen.

Zunächst einmal verbrachte er viel Zeit mit der wesentlich älteren Charlotte von Stein, mit der ihn zehn Jahre lang eine innige Freundschaft verband. Und obwohl die beiden niemals etwas miteinander hatten, reagierte Charlotte sehr allergisch, als sie erfuhr, dass ihr Wolfgang heiraten wollte. Natürlich eine andere. Sie fuhr sogar zu seinem Fürsten nach Weimar und versuchte, den dazu zu bringen, die Hochzeit zu verhindern. Machte er aber nicht und petzte stattdessen bei Goethe. Der daraufhin gleich einmal die Freundschaft mit Frau Stein beendete. Gegen Manipulation war Goethe eben hochgradig allergisch.

Wie sehr das Ende der Freundschaft die Arme mitgenommen hat, kann man erahnen, wenn man hört, dass ihre Schwester alle Briefe Goethes an Charlotte verbrannte.

Das muss ein großes Feuer gewesen sein.Es waren nämlich 1.700 Briefe.

Man muss sich wundern, dass Goethe für eine solche Menge Briefe auch noch die Zeit gefunden hat.

Ein paar weniger und er hätte vielleicht nicht so viele unvollendete Werke hinterlassen.

 

Ansonsten widmete sich Goethe der Zoologie, Botanik und Anatomie, Geologie, Mineralogie, der physiologischen Optik und vor allem dem Phänomen der Farbe.

An ihm ging ein guter Gerichtsmediziner verloren. Seiner Beobachtungsschärfe verdankt die Menschheit eine anatomische Entdeckung; er wies das bis dato bestrittene Vorhandensein des Zwischenkieferknochens im menschlichen Schädel nach.

Ob er dafür Schillers Schädel benutzte ist der Autorin nicht bekannt.

Anatomie interessierte Goethe aber schon in jungen Jahren. Er zog sich an der Uni einige Obduktionen rein. Die waren ja auch spannender als die trockenen Gesetzestexte.

 

Goethe liebte es außerdem, sich schöne Dinge anzusehen.

Damit er auch viel zum Anschauen hatte, sammelte er alles, was nicht niet - und nagelfest war. Kupferstiche, Bücher, Handschriften, Gemmen (geschnittene Edel- und Halbedelsteine), Pflanzen, Steine und auch Frauen J .

Sein Haus in Weimar glich einem geordneten Museum.

Goethe hielt sich eben  an seinen selbst erstellten Grundsatz: “Die Sachen anzusehen so gut wir können, sie in unser Gedächtnis schreiben, aufmerksam zu sein und keinen Tag ohne etwas zu sammeln vorbeigehen zu lassen.“

 

Neben der Sammelleidenschaft malte und zeichnete Goethe auch sehr gern und er hatte eine Abneigung gegen die Mathematik, weswegen er besonders Newton hasste.

Dem wollte er übrigens post mortem mit seiner 1810 erschienenen naturwissenschaftlichen Ausführung zur Farbenlehre gründlich eins auswischen, was aber voll in die Hose ging.

Das Werk wurde ein totaler Flop.

Goethe war eben doch mehr Dichter als Biologe oder Chemiker.

Auch der Musik war unser Dichter zugetan. Er hatte ja auch recht berühmte Zeitgenossen. So hörte er schon als Kind das erste Konzert des damals siebenjährigen Mozart. Damals war eben noch Live- Musik angesagt. Was für ein Gesicht würde Mozart wohl machen, sähe er sich heute auf  MTV oder Viva oder höre seine “kleine Nachtmusik“ über einen MP3-Player?

Vorrausgesetzt natürlich, er wäre vorher überhaupt an der überaus kompetenten Fachjury von “DSDS “ vorbeigekommen. Ein cooles Video hätte es dann jedenfalls gegeben. Der kleine Mozart konnte nämlich mit verbundenen Augen Märsche ins Klavier hämmern und Tonhöhen am Klang von Weingläsern erkennen.

 

Unser Goethe hatte noch eine weitere Leidenschaft: Das Reisen.

1779 wurde er Weimarer Minister, reiste in die Schweiz, von da aus weiter nach Italien, wo er Kunstwerke und Pflanzen studierte und untersuchte schließlich in Karlsbad Steine. Nebenbei widmete er sich intensiv dem Phänomen der Wolkenbildung. Ein bisschen träumen hat ja noch keinem geschadet.

Italien beeindruckte ihn so nachhaltig, dass er sich 1786 mal eben für zwei Jahre dorthin absetzte. So ganz ohne Ankündigung, ohne Urlaub-Einreichen oder ähnliches. Woran man mal wieder erkennt, was für einen dicken Stein er bei seinem Fürsten im Brett hatte, sonst hätte der sich so etwas wohl kaum bieten lassen.

 

Durch diese Aktion zog Goethe sich den Unmut seines Freundes Schiller zu, der, wie wir ja bereits gehört haben, am Existenzminimum vor sich hinkrebste, während Goethe es sich am A.... der Welt gut gehen ließ.

1788 kehrte Goethe nach Weimar zurück, ließ sich von allen Amtsgeschäften entbinden, behielt nur noch die Oberaufsicht über die “Anstalten für Wissenschaft und Kunst“ und leitete noch bis 1817 das Hoftheater.

1792 schenkte der Fürst Goethe das alte Haus am Frauenplan. Das bot eine Menge Platz.

Goethe sammelte einen wahren Hofstaat um sich. Sekretäre, Helfer, Besucher und natürlich seine zukünftige Frau, Christiane Vulpius.

Und dann hatte Goethe ja noch etwas wieder gutzumachen.

1794 schloss er ein Bündnis mit Schiller, der 1799 sogar eine Zeit lang nach Weimar übersiedelte. Die beiden waren so unterschiedlich wie Katz und Maus, und es entstand ein bemerkenswerter Briefverkehr zwischen ihnen. Diese Briefe existieren noch heute in einer Sammlung.

 

Wie gut, dass es damals weder Telefon oder Handy, noch E- Mails gab.

Bis zu seinem Tod 1805 war Schiller einer der wichtigsten Wegbegleiter Goethes. Ihr Gedankenaustausch führte zu weltbekannten Werken wie dem “Zauberlehrling“.

Mit Schiller starb auch die Epoche der Klassik.

 

Unser Goethe sehnte sich inzwischen nach etwas weniger Rummel.

Die französische Revolution 1789, in deren Verlauf er seinem Fürsten, dessen Stuhl gehörig wackelte, auf dem Schlachtfeld zur Seite stehen musste, hatte ihn viel Kraft gekostet.

Er kam dabei zwar viel rum, aber das war nicht die Art von Reisen, die unser Dichter liebte.

Goethe hatte verkannt, dass der von ihm angestrebten Freiheit des Einzelnen zuerst einmal eine Freiheit des Bürgertums vorausgehen musste. Und so war er schwer geschockt, als Napoleon 1806 aus dem Krieg als Sieger hervorging.

Zum Glück hielt er es weiterhin für seine Pflicht, “den geistigen Besitzstand der Deutschen durch seine Werke zu vermehren“ wie er es selbst nannte.

Und da hatte er ja noch einiges zu tun.

 

Zunächst einmal kümmerte er sich - Gott sei`s getrommelt und gepfiffen- um den ersten Teil des Faust. Damit hatte er 1773 schon angefangen, aber irgendwie kam ihm ja immer was dazwischen. 1808 wurde er endlich damit fertig.

Mit “Faust“ schaffte Goethe einen weiteren wahren Selbsthelfer, wie es schon Werther oder Prometheus in seinen früheren Werken waren. Und macht dem Leser gnadenlos deutlich, wo es hinführt, wenn man sich von jemand anderem lenken lässt.

Faust wird es jedenfalls sicherlich in der ein oder anderen Situation arg bereut haben, dass er sich nicht doch am Anfang des Stückes wie geplant das Leben genommen hat.

 

1814 kehrte Goethe nach Frankfurt zurück, nachdem er sich eingehend mit orientalischer Literatur beschäftigt hatte. 1819 erschien der “west-östliche Divan“.

Da war unser Dichter immerhin schon 69 Jahre alt.

 

Goethe war bis zu seinem Tod bei bestem geistigen Verstand.

Seine dichterische Gabe blieb ihm komplett erhalten und so vollendete er 1831 das Werk des Faust mit dem zweiten Teil und dem Urfaust. Auf den letzten Drücker sozusagen.

Und das, obwohl er noch an dem Tod seines Sohnes August 1830 zu knacken hatte.

Bei dem verhielt sich Goethe übrigens genauso autoritär wie sein eigener Vater ihm gegenüber

Man hätte vermuten können, dass er aus den Fehlern seiner Familiengeschichte gelernt hatte, aber so weit fiel der Apfel dann wohl doch nicht vom Stamm.

Goethe hatte übrigens - wen wundert es in einem Zeitalter ohne Pille, Spirale und Kondom - mehrere Kinder.

Nebenbei entstanden noch einige faszinierende Altersgedichte wie z.B. die “Marienbader Elegie“, in der uns alle Elemente seiner lyrischen Sprachkunst noch einmal geballt treffen.

 

Auch privat erfreute Goethe sich bis zum Ende bester Gesundheit. Oder sollte ich besser sagen Potenz?

Nach dem Tod seiner ersten Frau Christiane 1816 und einer kurzen Liason mit Marianne von Willemer hängte Goethe sein Herz an die erst neunzehn Jahre alte Ulkrike von Levetzow.

Er hätte sie gern geheiratet, hielt auch bei ihrer Mutter und später bei ihr persönlich um Ihre Hand an. Doch er blitzte höflich ab.

Zu groß war der Altersunterschied zwischen den beiden und die zu erwartende Verachtung durch die Gesellschaft. So blieb es dann bei einer Liebelei.

1832 starb Goethe.

Die arme Ulrike kam niemals über seinen Tod hinweg.

Sie wurde über neunzig Jahre alt und es gab in ihrem Leben niemals einen anderen Mann.

Das war dann aber auch endgültig das letzte Drama, das wir unserem Wolfgang zu verdanken haben.

 

Ob seine vielen Frauen -  und ich habe wirklich nur die wichtigsten genannt - seine Musen waren?

 

Lassen wir es mit einem Augenzwinkern dahingestellt und sind wir dankbar für einen deutschen Dichter, der in seinem langen Leben viel in unserer Literatur und Geschichte bewegt hat, dessen Werke bis heute nichts an Aktualität eingebüsst haben, und dessen Worte den faszinierten Leser noch immer mit viel Wahrheit und Emotionen mitten ins Herz treffen.

 

©Faride Sabat,2010,Essen




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